Hans Roth (Hessen, heute im Exil in Frankreich)

Der „Fall“ des ehemaligen Bundeswehr-Oberleutnants, der als aufrechter Demokrat  verfassungswidrige Ansinnen und dann den Kriegsdienst verweigerte, am 11.06.1976 und 18.06.1976 in Berichten der antifaschistischen Zeitung „Die Tat“ als Kritiker von Folterübungen bei der Bundeswehr zitiert wurde (Wortlaut auf heise.de - pdf - Wortlaut aller damals veröffentlichten Dokumente), dem dann der Schuldienst verwehrt wurde, kann einerseits zu den besonders krassen Auswüchsen des „Radikalenerlasses“ gezählt werden. In diesem Sinn dokumentierte ihn 1988 das Büro des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (1913-1992) für dessen sogenannte „Extremisten-Sammlung“. Der „Fluch der bösen Tat“ (Friedrich Schiller: Wallenstein. Die Piccolomini, 5.Aufzug, 1.Auftritt Octavio) – auf Brandt ging bekanntlich 1972 der „Radikalenerlass“ zurück, ab 1976 sprach er von einem „Irrtum“ – hatte den vormaligen SPD-Vorsitzenden sozusagen eingeholt ...

 

Doch Hans Roth „war gar keiner, der unter den Radikalenerlass gefallen wäre“ (Gerhart Baum, geb. 1932, FDP- Bundesinnenminister 1978-1982 im Kabinett des  Bundeskanzlers Helmut Schmidt). Nicht nur deshalb weisen die Abläufe Umgereimtheiten auf, die von den „klassischen“, sonst bekannten Schicksalen abstechen. Vieles klingt ganz und gar unglaublich und ist trotzdem wahr: Dem Bundeswehr-Offizier, der Foltervorwürfe erhob, wurden zunächst „Halluzinationen“ unterstellt (das Gesehene dann in der Sache bestätigt und als „Vorführungen“ bzw. „erläuternde Demonstrationen“ dessen abgetan, wozu der Gegner angeblich fähig sei – damalige Korrespondenz dazu), doch wurde ihm niemals der Dienstgrad entzogen. Der Oberleutnant der Reserve, der er formal bis heute ist, ist zugleich anerkannter Kriegsdienstverweigerer, ohne dass das damals dafür vorgesehene Verfahren jemals durchgeführt wurde. Wie bei seinem Berufsverbot als Lehrer Sachverhalte gefälscht, trotzdem von einer willfährigen Presse – erkennbar ohne journalistische Überprüfung - zwecks Rufmord kolportiert, wiederholte Ablehnungen der rechtsstaatlichen Prüfung entzogen wurden, die nachträgliche Aufklärung blockiert, trotz erkannten Unrechts jede Rehabilitierung und Wiedergutmachung mit Schweigen übergangen, weggeredet, sabotiert wurde – das war so krass nicht flächendeckend allgemein üblich und lässt schon eher an „höhere Mächte“ im Sinne eines „tiefen Staates“ denken.*

 

Hans Roth hatte wohl gute Gründe, auf der Flucht vor seine Existenz bedrohenden Netzwerken und Seilschaften 1980 von heute auf morgen nach Frankreich ins Exil abzutauchen, weil er sich damals nur noch dort halbwegs sicher fühlte. Reflexionen über Berufsverbote, Demokratie, Glauben, Wahrheit (pdf) und Lernen (pdf) sowie eine Erklärung vom 14.07.2013 (vollständig auf heise.de - pdf), die er der Redaktion dieser Website zugänglich machte, vermitteln einen Eindruck davon, wie er politisch denkt und das von ihm Erlebte selbst verarbeitete und welche Dimensionen es erreichte.

 

Fernsehbericht „Radikalenerlass und Notstandsgesetze“ (mp4) 1978 im SWF-Report Baden-Baden (Vorläufer des SWR-Report Mainz) (Wortlaut auch hier S. 4-8 nachlesbar)

„Der ‚falsche Aktenmensch‘ – Radikalen-Erlaß-Opfer Hans-Werner Roth“ von Günter Wallraff in dem erstmals 1982 erschienenen Buch „Die unheimliche Republik – Politische Verfolgung in der Bundesrepublik“

Fernsehbericht Kampf um Gerechtigkeit. Wieso ein linker Pädagoge in Hessen niemals Lehrer werden durfte“ (mp4) 01.12.2008 im SWR-Report Mainz

Nadja Thelen-Khoder hat in einem aktuellen Beitrag im Forum des SWR-Fernsehberichts (pdf) die Abläufe nachgezeichnet und in einem mehrere hundert Seiten langen Text „Der Freiherr und der Citoyen“, den sie in sieben „Bücher“ gliederte, die Begebenheiten, Zusammenhänge und das Medienecho aus mehreren Jahrzehnten minutiös dokumentiert und kommentiert.

Gesamt-Inhaltsverzeichnis - Exposé der Autorin - Erstes Buch - Zweites Buch - Drittes Buch  - Viertes Buch - Fünftes Buch - Sechstes Buch - Siebtes Buch - Gesamttext ohne Abbildungen - geänderte Links zu Quellentexten

 

Um welchen „Freiherrn“ geht es? Dazu die Autorin in einem Anschreiben vom März 2017: „Es gibt Artikel oder sogar Bücher über das CEDI ...  über die Abendländische Akademie ... über die Abendländische Aktion ... über das Komitee „Rettet die Freiheit“ ... über den Kalten Krieg ... über Vietnam ... über verdeckte Operationen ... über Algerien ... über die „Spiegelaffäre“ ... über Friedrich August Freiherr von der Heydte ... über Maxwell D. Taylor … über Jacques Massu …über den Orden der Ritter vom Heiligen Grabe zu Jerusalem ... über den National-Katholizismus Francos ... über Otto von Habsburg als Thronfolger im Escorial ... über das faschistische Griechenland 1970 ... über Gladio ... über Hans Roth ... Aber es gibt keinen Artikel und kein Buch – jedenfalls habe ich keines gefunden - , in dem der Name Friedrich August Freiherr von der Heydte im Zusammenhang mit all dem oben Genannten zusammen erwähnt wird. Eben dies tut mein Buch Der Freiherr und der Citoyen. Es gibt diesen Goliath, der irgendwie irgendwo irgendwann mit allen zusammengekommen ist, als kleinster oder größter gemeinsamer Nenner sozusagen.“

 

Schaurig aktuell klingen die Schilderungen angesichts des 2017 aufgedeckten Skandals eines Bundeswehrangehörigen mit nicht verheimlichter (aber ohne Konsequenzen gebliebener) Nazi-Gesinnung, der Mordanschläge auf prominente Politiker geplant haben soll, die dann einem „Flüchtling“ in die Schuhe geschoben werden sollten, in dessen fingierte Identität er anscheinend problemlos selbst schlüpfen konnte.

Dazu erschien beispielsweise – Stand 03.05.2017 – ein aufschlussreicher Bericht der Stuttgarter Zeitung. Unerwähnt blieb dort allerdings, was am 27.04.2017 in der ARD-Tagesschau berichtet worden war:  „Der gestern bei einem Bundeswehr-Lehrgang in Hammelburg in Unterfranken festgenommene Mann stammt aus Offenbach. ...“ DER SPIEGEL 19/2017 (S.19) fügte hinzu: „während der Einzelkämpferausbildung“ sei dort die Festnahme erfolgt. Doch vom „Ausbildungszentrum Infanterie“ in Hammelburg war danach in  den Medien nicht mehr die Rede. Auch  „Notstands“übungen von 1969, wegen der Oberleutnant Hans Roth den Dienst quittierte, fanden in diesem Ausbildungszentrum statt. Und sicher im Lauf der Jahrzehnte noch einiges mehr, was das Licht der demokratischen Öffentlichkeit scheut. Ausführlich legte Nadja Thelen-Khoder in ihrem Begleitschreiben die Zusammenhänge dar.

 

Nachdem frühere Bemühungen - auch beim Hessischen Landtag - ergebnislos verliefen, wie im Buch geschildert, reichte sie am 5. Oktober 2016 eine dritte Petition ein. Darin bezog sie sich auf die Darlegungen und Nachweise ihres Buches. In einem gesonderten Anschreiben zerpflückte sie sie die Darstellung, die das Hessische Kultusministerium 2010 zur Zurückweisung ihrer früheren Petition vorlegte, materialgestützt Punkt für Punkt. Es änderte nichts daran, dass sowohl der Deutsche Bundestag am 27.06.2017 (pdf) als auch der Hessische Landtag am 03.07.2017 (pdf) die dritte Petition abbügelten mit dem Bemerken aus Berlin, das Büro des Petitionsausschusses sei angewiesen, weitere Zuschriften in dieser Sache„unbeantwortet zu den Akten zu nehmen“. Der rein politische Charakter dieses von einer Mehrheit durchgedrückten Bescheids ergibt sich aus dem Nachsatz: Der von den Fraktionen DIE LINKE und von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gestellte Antrag, die Petition der Bundesregierung zur Berücksichtigung zu überweisen und den Fraktionen des Deutschen Bundestages zur Kenntnis zu geben, ist mehrheitlich abgelehnt worden.

Von diesen Fraktionen war offenbar gelesen worden, was die Autorin in ihrem Schreiben an den Deutschen Bundestag vom 27.12.2016 (auf heise.de - pdf) ausführlich dargelegt hatte: warum sie die frühere Behandlung Ihres Anliegens keineswegs als „ordnungsgemäß“ ansah. In einem vorläufigen Fazit vom Juni 2017 dokumentierte sie eine inzwischen aufgetauchte Dokumenten-Veröffentlichung aus dem Jahr 1976 und ordnete sie in die bisherige Behandlung ihrer Petitionen ein. Und sie will nicht aufgeben, schreibt sie am 04.10.2017 (pdf): „Als hoffnungsloser Optimist will ich eine neue Petition einreichen; das bin ich Fritz Bauer und Baltasar Garzón, dem Anwalt von Julian Assange, schuldig. Es soll also meine vierte Petition mit erheblich neuen Tatsachen werden“ – gestützt auf die neu aufgefundenen Dokumente aus dem Jahr 1976.**

 

Die Glaubwürdigkeit der Versicherungen, in der Bundeswehr mit allen Strukturen aufzuräumen, die mit ihrem verfassungsmäßigen Auftrag nichts zu tun haben, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Hans Roth endlich die seit Jahrzehnten überfällige vollumfängliche Rehabilitierung erfährt!

 

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* Von den zahlreichen Literaturangaben, die im Siebten Buch zu allen hier angedeuteten Zusammenhängen zu finden sind, sei hier nur verwiesen auf das Buch von Jürgen Roth: Der tiefe Staat. Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob (München 2016)

 

** 1976 und zum Teil schon vorher waren in der antifaschistischen Wochenzeitung „Die Tat“ Dokumente zu von Hans Roth angeprangerten Vorfällen in der Bundeswehr veröffentlicht worden. Ihre Existenz war bekannt, sie wurden aber erst im Juni 2017 in einem archivierten gebundenen Exemplar der Zeitung (was die z.T. schlechte Reproduktionsqualität erklärt) im Wortlaut wieder gefunden:

Dok.1 (Bericht von Hans Roth)„Roß und Reiter“ - Dok.2 (Zeugenaussage von Günter Wallraff)Dok.3 (Aussage von Oberleutnant J. Beier)Dok.4 (Leserbrief Hans Roth 27.09.1975 an die „Frankfurter Rundschau“)Dok.5 (Antwort des BMV 10.02.1976)Dok.6  (Antwort von Hans Roth 17.02.1976)Dok.7 (frühere Veröffentlichung in der „Tat“ vom 26.09.1974)Titelseite der betreffenden „Tat“-AusgabeDok.8 bis 10 (weitere Zeugenaussagen)Dok.11 (Schreiben von Brigadegeneral Scheibert vom 18.10.1974)Dok.12 (Strafanzeige der VVN Hessen, 03.01.1975)Internationales Gruppenbild aus der Führungsakademie der Bundeswehr - Zwischenbilanz in der „Tat“ vom 18.06.1976 Dok.13 (SPD forderte Konsequenzen aus „Tat“-Enthüllung vom 30.08.1975)der betreffende Artikel vom 30.08.1975 - Dok.14 (Leserbrief Prof. Dr. Marie Veit 20.10.1975 an die „Frankfurter Rundschau“)Dok.15 (Stabsarzt H. Ebel, München, informierte über Ausbildung eines chilenischen Offiziers bei der Bundeswehr)Dok.16 (Folterübung in Bergen-Hohne)Dok.17 (Anerkennung von SS-Dienstgraden in der Bundeswehr) – Dok.18 (Folterübungen bei den Streitkräften der USA) - Schlussfolgerung

 

Hinweis: In dem Buch von Nadja Thelen-Khoder funktionieren einige Links nicht mehr, die aktuellen Links sind hier aufgelistet. Die 2008/09 angelegte "aljasblog"-Dokumentation "Der Fall Hans Roth - Berufsverbot seit 30 Jahren" kann hier als pdf-Datei (289 Seiten) nachgelesen werden (die dort angegebenen Links auf den aljasblog funktionieren allerdings nicht mehr).

Folgende Materialien, Dokumentationen, Quellentexte können hier heruntergeladen werden:

Der erste (damals schon auf der Titelseite angekündigte) Beitrag von Günter Wallraff in der von Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof herausgegebenen Zeitschrift KONKRET vom 02.10.1969 über den „ranghöchsten Kriegsdienstverweigerer der Bundeswehr“ (als S. 46 eingebettet in verschiedene bundeswehrkritische Beiträge in der betreffenden Ausgabe)

Bücher von Hans Roth (Titelseiten) - Auszüge dem Buch "Aufrichten oder Abrichten" (Frankfurt/Main 1980): Seiten 48/49 - Seiten 52 bis 75 - Titel und Pädagogisches Credo des Buches (u.a. von Hans Roth) "Stumme können selber reden. Praxisberichte aus dem Religionsunterricht an Haupt- und Sonderschulen" (Wuppertal 1978)

Beiträge zu Hans Roth in "betrifft:erziehung" (Februar 1977 und Februar 1981)

Artikel und Briefe zum Berufsverbot von Hans Roth (1974 bis 2009)

Dokumentation "Berufsverbot in Hessen. Eine Agitation mit Tatsachen" (128 Seiten), Hrsg. AStA Uni Gießen, verantw. Karl-Heinz Funck, Juli 1975

"Wer schützt uns vor'm 'Verfassungsschutz'? Hans Roth kämpft um die Vernichtung seiner 'Verfassungsschutzakte'" (u.a. Urteil des Verwaltungsgerichts Kassel vom 09.09.1976 (59 Seiten), Hrsg. Marburger Komitee gegen Berufsverbote, verantw. Dr. Dr. Joachim Kahl

Dokumentation "Geheime Verfassungsschutzakten contra Menschenwürde" (88 Seiten), Hrsg. Arbeitsgruppe Innere Sicherheit Marburg, Frühjahr 1978

Dokumentation zu Hans Roth (48 Seiten, blauer Einband), Hrsg. Marburger Komitee gegen Berufsverbote, verantw. Dr. Dr. Joachim Kahl , Mai 1986

Hans Roth: Eidesstattliche Erklärung, zugleich politisches Testament (Oktober 2008) -

Hans Roth: Erklärung vom 17.03.2009

Nadja Thelen-Khoder: (erste) Petition für Hans Roth (19.03.2009)

Nadja Thelen-Khoder: Nachtrag zur Petition für Hans Roth (29.03.2009, eine detaillierte Auflistung zahlloser Ungereimtheiten)
Nadja Thelen-Khoder: Schreiben an die Evangelische Kirche
(01.04.2009)

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