Winfried Kretschmann (Stuttgart)

 

Da der "Fall" des 1975/77 vorübergehend von einem Berufsverbot als Lehrer betroffenen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann zur Zeit in den Medien auf besondere Aufmerksamkeit stößt, haben wir ihm eine eigene Seite gewidmet.

 

Titelseite der "Stuttgarter Zeitung" am 18.12.2014

 

Den Hintergrund des Berufsverbots, das ihm bereits als Studienreferendar drohte, beleuchten erhalten gebliebene Flugblätter aus der Universität Stuttgart-Hohenheim vom 26.09.1975 (pdf-Datei), 18.10.1975 (pdf-Datei), 28.10.1975 (pdf-Datei) und das Plakat für die Solidaritätsveranstaltung am 5.11.1975 (Reproduktion in der Schwäbischen Zeitung (Ravensburg) vom 19.12.2014; man erkennt, dass ein Foto des Plakats damals in einer Akte abgeheftet wurde). Was der damalige AStA-Vorsitzende Kretschmann über das Grundgesetz, den damals gerade aktuellen Spruch des Bundesverfassungsgerichts und die anderen Berufsverbotsbetroffenen dachte und öffentlich verlauten ließ, kann im Info der „Initiative gegen Berufsverbote in Hohenheim“ vom 28.10.1975 nachgelesen werden.

Gegen das gegen Kretschmann zunächst verhängte Ausbildungsverbot gab es breite Proteste. „Da nach drei Jahren die Hochschul-Abschlussprüfung, das 1. Staatexamen, verfällt, wenn nicht bis dahin mit der weiteren Ausbildung begonnen wird, würde er ohne jegliche Berufsausbildung dastehen. Weiter protestierten 144 von 166 Referendaren des Kurses 23 in Esslingen am Studienseminar und forderten seine Einstellung", heißt es einer 1976 erschienenen Broschüre des Koordinierungsausschusses der Bürgerinitiativen gegen Berufsverbote in Baden-Württemberg. Das Referendariat durfte Winfried Kretschmann schließlich antreten, aber in den staatlichen Schuldienst wurde er 1977 zunächst nicht übernommen.Da konnten auch zahlreiche Unterschriften von LehrerInnen nichts ausrichten. Sie beschrieben Kretschmann als ‚ruhigen, zurückhaltenden, vernünftigen und in keiner Weise ’radikalen‘ Kollegen“, berichtete die taz am 10.04.2012. „Er habe zudem versichert, ‚dass er nicht einer der von den Behörden als ’verfassungsfeindlich‘ eingestuften Organisationen angehört’. Trotz allem: Dem heutigen Ministerpräsidenten blieb nichts anderes übrig, als an einer privaten Kosmetikschule zu unterrichten. Die Schülerinnen damals seien begeistert von ihm gewesen, erinnert sich Brigitte Brüggestrat, Inhaberin der Schule: ‚Kretschmann war so rot, wie es nur ging. Doch er war der beste Pädagoge, den ich je hatte.’ Dem Oberschulamt lagen neben den Verfassungsschutzberichten und der Resolution der Lehrer auch zwei Stellungnahmen bedeutender Persönlichkeiten vor: Waldemar Bauer (FDP), Leiter des Studienseminars in Esslingen und Liberaler der alten Schule, setzte sich für seinen ehemaligen Referendar ein. George Turner, Präsident der Universität Stuttgart-Hohenheim, hatte mit Kretschmann Anfang der 70er Jahre als Vorsitzendem des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) häufig zu tun. Er sagt: ‚Ich habe Kretschmann als sehr zuverlässig kennengelernt.’ 1978 schaffte ‚Kretsch’ doch noch den Sprung in ein staatliches Gymnasium.“

 

Kurz vor Weihnachten 2014 - nach einer Kundgebung von Berufsverbote-Betroffenen am „Tag der Menschenrechte“ vor dem Landtag - veröffentlichte die Stuttgarter Zeitung einen größeren Artikel, für den sie wohl schon länger recherchiert hatte:

 

Kretschmannns damalige Stellungnahme, mit der er die „Zweifel an seiner Verfassungstreue“ ausräumte - ein Schlüsseldokument - ist in den Akten zwar erwähnt. findet sich aber nicht darin. Quälte er sich damIt genauso wie [Jochen] Kelter [siehe  bei den anderen Fallschilderungen], oder ging es ihm leicht von der Hand?“

Die Lösung des Rätsels lieferte am 19.03.2015 die Stuttgarter Zeitung über „Die Läuterung des Herrn K.“ (pdf) (pdf-Scan, Artikeltext und Seiten-Bilddatei mit dem Originaltitel „Die Läuterung des roten Kretschmann“). Parallel dazu verlautbarte der „bekennende Katholik“, der „einst bei einer kommunistischen Sekte“ war, auf der Seite „Glauben und Zweifeln“ der Wochenzeitung DIE ZEIT (19.03.2015): „Ich habe zu eng geglaubt“ (pdf-Scan). Am gleichen Tag wurde in der „Landesschau aktuell Baden-Württemberg“ (00:35-00:42, 15:40-19:23) des Regionalprogramms Südwest 3 über „Kretschmanns Akte“ (mp4) berichtet.

Einen Tag zuvor war durch eine dpa-Meldung bekannt gegeben worden, dass die Grünen-Landtagsfraktion - wohlgemerkt nur diese und nicht auch der Koalitionspartner SPD - „einen Runden Tisch mit den Betroffenen des Radikalenerlasses bilden und anschließend das Thema wissenschaftlich aufarbeiten lassen“ wolle. 

 

Abgedruckt wurde die dpa-Meldung beispielsweise in der Südwest Presse Ulm, einem Kopfblatt für mehrere Lokalblätter Baden-Württembergs. Auch in anderen Zeitungen - wiederum beispielhaft in Spiegel-online (pdf) und der Südwest Presse (pdf) - wurde über das ZEIT-Interview und in den Badischen Neuesten Nachrichten (Scan) (Karlsruhe) und Süddeutsche Zeitung (Text-pdf) (München) zusammenfassend über die neuesten Entwicklungen bei den GRÜNEN und Kretschmann berichtet. Die Betroffenen reagierten am 22.03.2015 darauf mit einer Presseerklärung und verwahrten sich gegen Kretschmanns „Tunnelblick der höchstpersönlichen Betroffenheit“.

 

„Die wundersame Selbstrettung des Winfried Kretschmann aus den Untiefen des Radikalenerlasses“ - nach dem damaligen öffentlichen Kenntnisstand - behandelt ein Artikel von Uwe Koopmann in der DKP-Zeitung unsere zeit vom 02.01.2015 (pdf).

 

Schon im Frühjahr 2012 war über Kretschmanns Werdegang in der Presse berichtet worden:

 

Kontext Wochenzeitung, Stuttgart, 02.05.2012: "Herrn K.s Gespenst"
(Link zum Artikel auf kontextwochenzeitung.de) (pdf-File)

 

Und wie er  mit seiner studentischen Vergangenheit kokettierte, war in der "Stuttgarter Zeitung" am 25.06.2012 (pdf-Datei) nachzulesen.

 

Im Fernsehinterview am 25.04.2012 zu "60 Jahre Baden-Württemberg" - wenige Tage nach der Übergabe einer "Anti-Duckmaus" durch selbst betroffene GEW-Delegierte - äußerte sich der heutige Ministerpräsident zu dem Thema (Ausschnitt) (gesamtes Interview als avi-Datei) - zum nicht geringen Entsetzen anderer Betroffener und auch damaliger politischer Weggefährten. 

 

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